Avaris lebt! – Forschungen im Areal R/III in Tell el-Dab’a / Avaris is alive! – Research in the area R/III at Tell el-Dab’a

(English version below)

Oft wird das Alte Ägypten als das Land der Pharaonen wahrgenommen, mit großen Tempeln und reichen Gräbern. Demgegenüber versucht gerade die jüngere Forschung ein klareres Bild über die altägyptische Alltagswelt zu schaffen. Die Siedlungsarchäologie in Tell el-Dab’a bietet dazu eine ausgezeichnete Gelegenheit. Im Fokus stehen die Bewohner der antiken Stadt Avaris.

Ausgrabungen

Ausgrabungen im Areal R/III / Excavations in the area R/III

In drei Kampagnen zwischen 2010 und 2012 wurde ein neues Stadtquartier freigelegt, das sogenannte Areal R/III. Dieses spielte als Verwaltungs-und Wohnbezirk eine entscheidende Rolle in der Stadt Avaris während der späten Zweiten Zwischenzeit.

Die Aufarbeitung der Funde und Befunde vollzieht sich im Rahmen des FWF-Projektes „Abläufe einer ägyptischen Stadt – Fallstudie Tell el-Dab’a“, Projektnummer Projekt P25804-G19. Dieses beschäftigt unter anderem zwei Doktorandinnen aus den Gebieten der Ägyptologie und Vorderasiatischen Archäologie: Vera Michel bearbeitet seit 2014 die Keramik, Chiara Reali die Siegelabdrücke und weiteres Verwaltungsmaterial.

Chiara Reali

Chiara Reali untersucht Siegelabdrücke / Chiara Reali is analysing seal impressions

Die größte Fundgattung der materiellen Kultur aus dem Areal R/III bilden die etwa 1200 Siegelabdrücke, welche ägyptische und vorderasiatische Einflüsse zeigen. Unter diesen identifizierte Chiara R. den Namen des hyksoszeitlichen Herrschers Chayan sowie Beamtentitulaturen. Ebenso von Interesse sind die ikonographischen Motive, die versiegelten Behältnisse und die dazugehörigen Güter.

Die Keramik gehörte zu den wichtigsten Alltagsgegenständen im Alten Ägypten. Die Mehrheit der Gefäße stand im Zusammenhang mit Lagerung, Zubereitung, Transport und Verzehr von Lebensmitteln und anderen Rohstoffen. Die Herkunftsbestimmung der nach Tell el-Dab’a importierten Tonwaren gewährt darüber hinaus einen Einblick in die damaligen interkulturellen Kontakte. Außerdem lässt sich mithilfe der Keramiktypologie eine chronologische Einordnung der Grabungskontexte und -befunde anstellen. Dies bildet auch den Schwerpunkt der Arbeit von Vera M.

Momentan beschäftigen sich noch mit der graphischen Aufnahme sowie der Auswertung des lithischen, makrolithischen Materials und den Kleinfunden Clara Jeuthe und Silvia Prell (siehe Die faszinierende Welt der kleinen Dinge), sowie des Tierknochenmaterials Karl Kunst und Konstantina Saliari. Im weiteren sind in der diesjährigen Herbstsaison Sarah Baumert, Christiane Lamm, David Schmid und Christian Langer beschäftigt.

Wir erwarten viele spannende Forschungsergebnisse!

English version:

blog-3-r3-03-klein

Vera Michel untersucht Keramik / Vera Michel is analysing ceramics

Ancient Egypt is often perceived as the land of the Pharaohs, with rich tombs and huge temples. By contrast, recent archaeological research seeks to provide a better idea about the everyday life of ancient Egypt. The archaeological settlement of Tell el-Dab’a offers an excellent opportunity for this. One of the main foci of interest is the nature of the residents of the ancient city of Avaris.

During three seasons between 2010 and 2012 excavations were undertaken in the so-called area R/III, and these revealed an unexplored town quarter. As an administrative and domestic quarter it played a crucial role in the development of Avaris during the later Second Intermediate Period.

The analysis of the finds and features takes place within the framework of the project „Function of an Egyptian Town“ Projektnr. P25804-G19. This project includes two PhD students from the fields of Egyptology and Ancient Near Eastern Archaeology. Since 2014 Vera Michel has been working on the pottery from the archaeological context, and Chiara Reali on the seal impressions and further administrative material.

The largest group of material from area R/III consists of about 1200 seal impressions which show Egyptian and Near Eastern influences. Among these Chiara has identified the name of the Hyksos ruler Khyan, as well as other official titles. Besides the iconographic motifs, the containers that they sealed and the goods in them are also of interest.

The ceramics are one of the most important everyday objects in Ancient Egypt. The majority of the vessels are related to storage, preparation, transportation and consumption of food and raw materials. In addition, the provenance of imported pottery sheds light on intercultural contacts.
The pottery typology can be used as a chronological control enabling the placing of the archaeological contexts in time. This is the main focus of Vera M.’s work.

In addition, Clara Jeuthe and Silvia Prell are currently analysing lithic and macrolithic material and small finds (see The fascinating world of small things). Karl Kunst and Konstantina Saliari are researching the animal bones. Sarah Baumert, Christiane Lamm, David Schmid and Christian Langer are also involved in the present season.

We expect many exciting results from their research!

Die faszinierende Welt der kleinen Dinge / The fascinating world of small things

(English version below)

Silvia Prell mit einer Statuette aus Ton

Silvia Prell mit einem Figürchen aus Ton / Silvia Prell with a human figurine made of clay

Silvia Prell widmet sich bei den Ausgrabungstätigkeiten in Tell el-Dab’a einer Fundgruppe, deren Faszination sich oftmals erst auf den zweiten Blick offenbart: die archäologischen Kleinfunde. Gerade die kleinen Dinge enthalten häufig wertvolle Informationen und ermöglichen eine umfassende Charakterisierung von Fundgruppen.

Silvia Prell muss sich „nicht die Nase an einer Vitrine platt drücken“, um sich mit den Objekten zu beschäftigen. Sie kann Objekte anfassen, die eine ganz eigene Sprache sprechen:

Man begegnet unmittelbar dem Wirken der Menschen. Wenn beispielsweise bei einem Skarabäus die Durchbohrung fehlgeschlagen ist, sehe ich im Geiste, wie sich der Handwerker einst darüber ärgerte.

Daneben erfordert es oft „detektivische“ Arbeit und Herumfragen bei Kollegen, um der Funktion einzelner Dinge auf die Spur zu kommen. Erst kürzlich konnte sie ein Objekt aus Fayence als Auge einer Nilpferdstatuette identifizieren.

Die Mitarbeitering Sarah X. beim Zeichnen /

Die Mitarbeiterin Sarah Baumert beim Zeichnen / The assistant Sarah Baumert while drawing

Derzeit bearbeitet Silvia Prell die Kleinfunde aus den Grabungen des Areals R/III. Diese werden zunächst sortiert, inventarisiert und dann auch fotografiert und gezeichnet. Beim Fundareal R/III handelt es sich um ein Verwaltungszentrum und Stadtviertel aus der späten Zweiten Zwischenzeit. Unter den zahlreichen Kleinfunden befinden sich unter anderem Tier- und Menschenfigürchen aus Ton, Fayenceperlen, eine Opferplatte und Einlagen und Knöpfe aus Knochen.

————–

English version:

At the excavations in Tell el-Dab’a Silvia Prell dedicates herself to a group of material whose fascination is often revealed only after a second glance: the archaeological small find. In many cases these small objects provide valuable information and allow a comprehensive characterization of archaeological groups of findings.

Silvia Prell mit dem Auge einer Nilpferdstatuette

Silvia Prell mit dem Auge einer Nilpferdstatuette / Silvia Prell with the eye of a hippopotamus statuette

Silvia Prell is not obliged to look at the object through a glass case to deal with them. She can touch the objects, and let them speak to her in their own language.

You have a direct encounter with the work of the people. When the perforation of a scarab fails, I can see in my mind’s eye how the craftsman was upset with himself.

Furthermore „investigative“ methods, including enquiring from one’s colleagues are often required to get begin to explain individual pieces. Recently she was able to identify a fayence object as the eye of a hippopotamus statuette.

She is currently registering the small finds from the excavations in area R/III. These are first sorted, then inventoried, photographed and drawn. The area R/III is an administrative center and a domestic district from the late Second Intermediate Period. Among the numerous small finds are human and animal figurines made of clay, fayence beads, an offering plate, and inlays and knobs made of bone.